Zu unserer Radtour starten wir in Altwarp-Siedlung. Wir folgen der Straße in Richtung Vogelsang-Warsin. Mitten im Ort, hinter einer Rechtskurve zweigen wir nach links auf den Oder-Neise-Fernradwanderweg ab. Dort stehen auch eine Schautafel sowie Wegweiser. Wir radeln weiter in Richtung Rieth. Der zunächst gut ausgebaute Radweg führt uns über die Warsiner Flur in den Kiefernforst.
Nach ungefähr 2 km kommen wir an eine Wegkreuzung. Hier können wir die erste Rast durchführen. Danach radeln wir nach Rieth weiter. Nach drei Kilometern erreichen wir den Oder/Neiße Radweg, den wir weiter nutzen.
Das nächste Ziel ist der Aussichtsturm an der "Riether Stiege", der uns einen Panoramablick über den Neuwarper See erlaubt. Die Plattform liegt direkt am Oder-Neise Radweg. Am gegenüberliegenden Ufer sehen wir Neuwarp (Nowe Warpno) und Albrechtsdorf (Karczno). Ganz links die Insel "Riether Werder".
Der "Riether Werder" ist eine Vogelschutzinsel im Neuwarper See. Sie gehört zum Naturschutzgebiet "Altwarper Binnendünen", "Neuwarper See" und "Riether Werder". Die Insel ist ca. 82 ha. groß und steht seit 1990 unter Naturschutz. Sie darf nicht betreten werden. Das einsturzgefährdete Gebäude auf der Insel wird seit 1963 nicht mehr genutzt. 60 freilaufende Rinder sorgen in den Sommermonaten für eine Beweidung. Die Insel beherbergt eine bemerkenswerte Fauna.
Bis nach Rieth sind es nur noch 1,5 Kilometer. Am Eingang des Ortes begrüßt uns das Riether Schloß.
Der Ort Rieth ist ein altes Rittergut. Das Schloß gehört zu den ältesten Häusern der Gutspartie und blickt demzufolge auf eine bewegte Geschichte zurück. Unmittelbar am Ufer des Neuwarper Sees gelegen, gehen die Anfänge des Schlosses bis in das Jahr 955 zurück. In dieser Zeit wurde an diesem Ort von den Wenden ein Tempel zu Ehren des Götzen Radegast errichtet. Die heidnische Kultstätte wurde im Laufe der Christianisierung mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, bis sich im Jahre 1317 die Ritter von Bröcker als Grundherren hier ansiedelten. Ortsname damals: Rike.
In den Wirren des 30-jährigen Krieges verlassen die von Bröcker Haus und Gut, das ab 1645 von Hinrich Anderson im Namen der schwedischen Krone übernommen wird. 1660 wird Heinrich von Riethfeld Lehnherr auf dem Gut, aber bereits 1690 verlässt die Familie von Riethfeld die Ortschaft Rieth.
Nach dem Frieden von Stockholm fallen die Ortschaft Rieth und das Gut zurück in den Besitz der Hohenzollern. Im Jahre 1720 geht mit Georg von Bröcker (Hofgerichtspräsident) die Gutsanlage wieder in die Hände derer von Bröcker über.
Nachdem Gut und Ort wiederum mehrfach den Besitzer wechselten übernimmt im Jahre 1802 der königlich preußische Oberforstmeister Georg Bernhard von Bülow das Rittergut, welches fortan als Riether Gutsschloß bezeichnet wird.
1841 wird das Gutsschloß umgebaut und erweitert, und es entstand das Schloß Rieth. Im Jahre 1872 erwerben Kaufleute das Gutsschloß um die umliegenden Wälder kommerziell zu nutzen. Nach der kompletten Abholzung wird das Gut für die Besitzer "wertlos" und sie verkaufen es an den preußischen Staat.
Urkundlich wird das Anwesen spätestens ab diesem Zeitpunkt (1885) als Schloß Rieth oder Riether Schloß geführt. Nach der Wiederaufforstung der Wälder wird Schloß Rieth Forstmeisterei von Stettin, Torgelow unter der Leitung des Oberforstmeisters Banning. Ab 1900 verleihen regelmäßige Jagdbesuche vom preußischen Kronprinzen und seiner Gemahlin Cäcilie dem Ort einen besonderen Glanz. Noch heute erinnern in Rieth der Kronprinzensteig und der Thronfolgerweg an diese Zeit. Die Forstmeisterei übernimmt im Jahre 1910 Arthur Friedrich von Rieben, (1957 verstorben in Seehausen am Staffelsee/Oberbayern). Der Forstmeister Puls ist der letzte seiner Zunft auf Schloß Rieth, das 1945 als Flüchtlingsunterkunft eingerichtet wird.
1976 geht das Anwesen Schloß Rieth in den Besitz von Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) über und wird als Ferienheim für den Rat des Bezirkes umgebaut. Bei diesem Umbau werden wesentliche Teile des Schlosses zurückgebaut und geschleift, so dass von der ursprünglichen Architektur kaum noch etwas übrig bleibt. Auch das Bethaus wird in desem Zusammenhang abgerissen.
Heute wird das Schloß Rieth als Akademie, Landschulheim, Familien- und Pferdepension genutzt. Im Jahre 2004 wurde das Institut für Europäische Studien, als länderübergreifende Initiative, auf Schloß Rieth gegründet.
Wenn wir die Hauptstraße erreicht haben, biegen wir nach links ab und fahren in den Ort. An der "Villa Rieth", einer Pension und Gaststätte, zweigen wir nach rechts in die Grenzstraße ab. Diese befahren wir bis zum Dorfausgang. Sie endet in einer Wendeschleife. Ab hier fahren wir den Grenzgraben, der Deutschland von Polen trennt, entlang bis wir die Eisenbahnbrücke der ehemaligen Randower Kleinbahn erreichen. Wir überqueren die Brücke, um nach Polen zu kommen.
Im Jahre 1892 entstand ein Entwurf einer Schmalspurbahn, die die Güter- und Personenbeförderung zwischen den Orten der Ueckermünder Heide übernehmen sollte. Der Bau dauerte mehrere Jahre, wobei immer wieder einzelne Abschnitte in Betrieb genommen wurden. Begonnen wurde 1894 mit der Verbindung von Stöven (Stobno)- Stolzenburg (Stolec) zur Stolzenburger Glashütte. Der Bau dieses 23km langen Abschnittes währte drei Jahre. Die Einweihung fand am 10. Mai 1897 statt.
Aber erst 1905 kommt es zum Weiterbau der Trasse und zu ihrer Verlängerung bis Neuwarp. Gleichzeitig wird sie auf Normalspur umgebaut. Im Ergebnis war nun eine 48km lange Eisenbahntrasse entstanden, die Neuwarp mit Stettin verband. In Stolzenburg erhielt sie einen Anschluß an die Strecke Stralsund - Stettin. An der Strecke lagen nun die Orte: Neuwarp, Albrechtsdorf (Karszno), Rieth, Ludwigshof, Hintersee, Zopfenbeck, Stolzenb. Glashütte (heute Glashütte), Lenzen, Stolzenburg, Nassenheide (Rzedziny), Böck (Buk), Daber (Dobra), Marienthal (Redlica) und Wamlitz (Wawelnica).
Hauptnutzer der Bahnlinie waren die Stolzenburger Glashütte, die Amoniakfabrik Ludwigshof, die Brennerei Wamlitz, die Ziegelei und Brennerei Nassenheide, die Meierei in Hintersee und das Sägewerk Rieth. Aber auch für Neuwarp besaß die Bahnlinie eine große Bedeutung. Es gab bis 1936 keine Straßenanbindung Neuwarps an den Rest der Welt. Am Neuwarper Bahnhof siedelten sich Firmen an, die mit Kohlen und Brennstoffen handelten. Und die Erzeugnisse der Fischräuchereien, besonders die frisch geräucherten Aale fanden ihren Weg nach Berlin oder Magdeburg. Fast 90000kg erhielt die dortige Markthalle im Jahre 1925. Allein 1925/26 beförderte die Bahn 126877 Personen und transportierte 52448t Güter. In den 30er und 40er Jahren wurde auf dieser Strecke auch das Wehrmachtsmaterial für den Truppenübungsplatz Altwarp transportiert.
Die Bahnlinie verlor mit der Schließung der Stolzenburger Glashütte ihre Bedeutung. Durch den Ausbau der Kraftomnibuslinien in den 30er Jahren ließ auch der Personenverkehr nach. 1946 wurde die Bahnlinie demontiert. Die Gleise wurden als Reparation in die Sowjetunion verbracht. Durch die Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen verlor die Bahnlinie gänzlich ihre Bedeutung.
Weiter geht es auf dem ehemaligen Bahndamm in Richtung Albrechtsdorf (Karszno). Der Ort Albrechtsdorf hatte einen Bestand von nur wenigen Häusern und einem Gut. Die kleine protestantische Kirche wurde zur jetztigen Form im 19. Jahrhundert maßgeblich auf Initiative des Gutsherrn Albrecht von Enckevort umgebaut. Leider ist sie nur zum Gottesdienst geöffnet.
Unweit der Kirche befindet sich das Gutshaus der Enckeforts. Es ist nicht bekannt, ob das Schloß zugänglich ist oder wie es genutzt wird. Es wird die Aufgabe einer der nächsten Radtouren sein, das zu erkunden.
Unweit der Kirche treffen wir auf die Straße Stettin-Neuwarp. Ab hier sind es nur noch 2km bis zur Stadt Neuwarp. Neuwarp hat seit xxxx Stadtrecht und ist die kleinste Stadt Polens.
Vor dem Krieg lebten hier ca. 1500EW. Es gab eine Sparkasse, eine eigene Gerichtsbarkeit, sechs Bootswerften, usw.
Ein Stadtbrand von 1692 zerstörte das mittelalterliche Rathaus. 1967 entstand an seiner Stelle das bis heute erhaltene Rathaus. 1956 wurde das Gebäude in das Denkmalregister aufgenommen. Und 1965-1968 wurde das Haus restauriert. Mit seiner zentralen Lage prägt dieses Baudenkmal den Ort. Es ist das Wahrzeichen der in alter Zeit zumeist mit Fachwerkhäusern bestandenen Stadt. Heute dient es wieder als Sitz der Stadtverwaltung.
Ein Dokument aus dem Jahre 1331 bestätigt die Existenz einer Kirche. Das erste Gotteshaus war sicherlich ein hölzener Bau. Nach dem Brand von 1442 errichteten die Augustiner einen Steinbau. Mit der Reformation wurde die Kirche lutheranisch und diente als protestantisches Gotteshaus. Ein weiterer Brand zerstörte Turm und Dach der Kirche, die im folgenden Jahr wieder aufgebaut wurden. 1886 wurde der Kirchturm erhöht und erhielt seine jetztige Form. Nach 1945 wird die Kirche römisch-katholisch.
Schließlich erreichen wir den Hafen Neuwarp, in dem bereits die "Adler 10" angelegt hat. Sie wird uns wieder nach Altwarp übersetzen. Die "Adler 10" verkehrt stündlich zwischen Altwarp und Neuwarp. Für das leibliche Wohl sorgt die Bordgaststätte, gerade willkommen für die Wandertruppe.
In der Ferne ist bereits der Altwarper Hafen auszumachen. In 20 Minuten wird sich die Radtour dem Ende nähern.
Im Hafen von Altwarp eingelaufen machen wir uns auf den Weg, um ein deftiges Vesper zu veranstalten. Wenn man vor 16:00 Uhr kommt ist der Fischimbiß am Hafen offen. Andernfalls kann man eine von mehreren Gaststätten in Altwarp aufsuchen. Dort lassen wir das Erlebte noch mal Revue passieren, bevor wir uns auf den Heimweg machen.
Das Stettiner Haff
Als Haff wird ein durch eine vorgelagerte Insel vom offenen Meer abgetrennter Brackwasserbereich bezeichnet. Beim Stettiner Haff, mit einer Ausdehnung von gut 900 Quadratkilometern das größte Ostseehaff, sind es die Inseln Usedom und Wollin. Mehrere Flüsse münden ins Stettiner Haff, die Oder in deren Mündungsarm die Stadt Stettin liegt. Die Schifffahrt zwischen Stettiner Haff und Ostsee verläuft hauptsächlich durch Kaiserfahrt (1880 fertiggestellt), der seit 1945, als die deutsch-polnische Staatsgrenze durch das Haff und die Insel Usedom gezogen wurde, auf polnischem Gebiet liegt. In den nächsten Jahren sollen Fährlinien von Ueckermünde oder Berndshof die Festlandküste des Haffs mit Kammike auf Usedom verbinden. In den Sommermonaten gibt es jeweils montags eine Schiffsverbindung von Altwarp nach Swinemünde.
Das alte Fischerdorf Altwarp
Schon im Jahr 1139 war eine slawische Ansiedlung bekannt, die einige Jahre später das Fischereirecht bekam und Ende des 12. Jhs. erstmals Warpna (slawisch "Ankerplatz") genannt wurde. Auch heute noch dient der östlichste deutsche Festlandhafen den Fischern als Liegeplatz. Wer gerne Fisch isst: In Altwarp kommt er direkt aus dem Haff in die Pfanne! Beim Spaziergang durch das alte Dorf sehen wir die einfachen Fischerhäuser am Hafen und auf dem Mühlenberg die Holländerwindmühle. Mit dem Schiff gelangt man hinüber nach Polen ins benachbarte Neuwarp (Nowo Warpno).
Tourencharakter:
Radrundfahrt auf bequemen, aber auch sandigen, ebenen Wegen durch Wälder und Flur um den Neuwarper See.
Die Fahrstrecke beträgt ca. 30km.
Einkehrmöglichkeiten in Warsin ("Holunderhof"), Rieth ("Villa Rieth"), Neuwarp und Altwarp.
Einkehrmöglichkeiten in Altwarp:
Räucherkate ("Familienfischerei Zach"), Sandweg 118, Tel. 039773 - 20524, www.familienfischerei-zach.de;
Haff-Stübchen, Seestr. 43, Tel. 039773 - 20528, www.altwarp.info
Gregor's Fischgaststätte, Sandweg 109, Tel. 039773 - 20306, www.altwarp.info
Tourist-Info:
Fremdenverkehrsverein Altwarp am Stettiner Haff, Am Hafen, 17375 Altwarp, Tel. 03 97 73-2 65 64, www.altwarp.info
Histor. Quellen: "Nowe Warpno" von Wojciech Lopuch, "Von Glasmachern und Kürassieren - Ein vorpommersches Heimatbuch" von Klaus Ziermann, http://www.guts-partie.de